Projektbeschreibung
Marktbedarf und gesellschaftliche Herausforderung
Reibung und Verschleiß verursachen schätzungsweise 20–30 % des weltweiten Energieverbrauchs in der Industrie. Schmierstoffe sind dabei das zentrale Mittel, um tribologische Verluste zu minimieren. Mit dem industriellen Trend zu höheren Leistungsdichten, kleineren Bauteilen (Downsizing) und umweltfreundlicheren Schmierstoffen mit niedriger Viskosität werden Maschinenbauteile wie Wälzlager, Getrieberäder oder Nockenfolger zunehmend im sogenannten Grenzreibungsregime (boundary lubrication, BL) betrieben. In diesem Regime ist der Schmierfilm nur noch wenige Nanometer – oder sogar nur eine einzige Moleküllage – dünn. Drücke von mehreren Gigapascal und Scherraten von über 10⁶ s⁻¹ treiben den Schmierstoff in extreme Nichtgleichgewichtszustände, in denen klassische hydrodynamische Modelle und Viskositätsgesetze versagen. Die Folge: Konstrukteure können Schmierspalte in diesem Regime nicht zuverlässig auslegen, was zu konservativer Überdimensionierung, ungeplanten Ausfällen oder suboptimaler Schmierstoffauswahl führt.
Lösungsansatz des Projekts
Projekt ReCon entwickelt eine physikalisch fundierte Kontinuumsbeschreibung für den gesamten Übergangsbereich von der Dünnfilmschmierung bis zum trockenen Kontakt und zurück. Der Ansatz kombiniert drei methodische Ebenen: (1) Großskalige atomistische Molekulardynamik (MD)-Simulationen tribologischer Modellkontakte liefern Referenzdaten; (2) Parametrische MD-Studien kleiner repräsentativer Volumenelemente liefern Konstitutivgesetze für die Schmierfilmdynamik in extrem engen Spalten (z.B. Viskosität, Wandgleiten und 2D-Transporteigenschaften als Funktion von Druck, Temperatur, Scherrate und Spaltgröße); (3) Ein klassischer Reynolds-Solver für die Kontinuumsmechanik des Schmierfilms wird um diese Konstitutivgesetzte erweitert und gegen die Großskalensimulationen validiert. Zwei Forschungsrichtungen werden verfolgt: der „Starvation-Pfad" (kontinuierliche Verringerung des Schmierspalts bis zur Monolage) und der „Re-lubrication-Pfad" (Wiederbefüllung eines trockenen Kontakts aus einem Schmierstoffreservoir).
Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen
Am Ende des Projekts steht ein Reynolds-Solver der anwendungstauglich alle Schmierungsregime – von dicken Flüssigkeitsfilmen bis zum partial trocken Kontakt– quantitativ beschreiben kann. Die Ergebnisse schaffen die wissenschaftliche Grundlage für energieeffizientere, verschleißärmere Maschinenbauteile, die mit niedrigviskosen, umweltfreundlichen Schmierstoffen betrieben werden können – ein unmittelbarer Beitrag zu industrieller Nachhaltigkeit und zur Reduktion des globalen Energieverbrauchs durch Reibung.